Bücher fressen Zweitausendzwölf

Eigentlich ist der Januar ein denkbar ungeeigneter Monat um den Jahresbeginn zu zelebrieren, wenn du nicht das Glück hast als Polarfuchs oder Schneehase dein Dasein zu fristen.  (Bei bevorstehender Wiedergeburt sollte man das unbedingt im Hinterkopf behalten). Das Wetter kommt so grau und greislich daher, dass du nach der Sonne im Herzen kramen musst, damit es überhaupt hell und warm wird im Stüberl.
Aber natürlich: Carpe diem, das Glas ist halb voll, träume nicht dein Leben … und pipapo. Weisheitsschwanger wie allerweil, der Jahresbeginn.
Neben der Eignung zur Besinnung und Beschaulichkeit bringt das frisch geschlüpfte Jahr die Zeit mit sich, in aller Ruhe das ein oder andere Buch zu verschlingen.
Zum Verschlingen, quasi zum Fressen ohne Besteck eignet sich nicht jeder Wälzer. Da brauchst du handliches Format gepaart mit schmackhaft, scharf -gewürzten Zeilen.
„Pageturner“ sagt dazu die anglizistisch beschlagene Koryphäe, wobei das schon hyperaktiv gehetzt in den Ohren klingt,  atemlos, hopp – hopp, auf gehts, nächste Seite – fast ein bisschen Fastfood. So ein Quickie ist ja nicht immer die Erfüllung – nicht einmal im zapfigen Winter.

Wenn man auf Texte nicht verzichten will – jeder hat ja so seine Lesegewohnheiten – aber darüber hinaus nach visueller Stimulanz giert, eignet sich besonders die Graphic Novel.
Vielschichtiges Genre, wobei es mir Art Spiegelmans „The wild party“ vor kurzem besonders  angetan hat. Der Spiegelmann, Schöpfer der grandiosen „Maus“ Comics, hat sich  einen lyrischen Text von Joseph Moncure March aus den Zwanzigern vorgeknöpft – die  vogelwuide Schilderung einer ernüchternden Halbwelt -Party Orgie, die in ihrer drastischen Deutlichkeit wahrscheinlich dem Bildungsbürger vor neunzig Jahren die Ohren durch glühende Kohlen ersetzt hat – neben der bigott – schwelenden Faszination am obszönen Treiben. Umgangssprachlich, roh und derb, „jazzy and sexy“,  in passenden Farben gepinselt – zumindest in der Originalfassung. (Die deutsche Übersetzung ist leider etwas schwach auf der Brust)
Dazu die Zeichnungen von Spiegelmann, reduziert auf das Wesentliche, stimmungsvoll, zupackend – kein hastiger Buchhappen, eher zum Genießen – und das Auge isst fasziniert mit.
Zumindest hat mich das Büchlein angestupst und gehaucht: „ Gib dir doch hin und wieder einen Bissen Lyrik.“
Wenn mir der Appetit danach steht, greif ich gern zu Dylan Thomas (Lesetipp: Alles was von ihm gedruckt und erhältlich ist)  und Charles Bukowski (Lesetipp: „Flinke Killer“ mit stimmigen Illustrationen von Janosch)  – beeindruckend, wie laut Gedichte längst Gestorbener ihre Lebendigkeit herausbrüllen  können – die Reime gehämmert in glühender Esse einer gewaltig -monströsen Lebensschmiede – oder so ähnlich 😉
Der Vorteil von guter Dichtung liegt ja in ihrer Beschränkung auf die Essenz. Das beinhaltet eine Zeitersparnis, so als wenn du dir die Nüsse nicht erst in Handarbeit mühsam aufknacken musst, um an den Kern zu kommen – quasi Studentenfutter.
In ähnlicher Form findet man das ja ab und an bei der Kurzgeschichte. Zu meiner Neujahrslektüre gehört die Anthologie Seelenmusik. Die ist von der Sabine Finzel und der Carmen Mayer herausgegeben und darin finden sich unterhaltsame, aufwühlende und kluge Storys unterschiedlichster Schreiberlinge. Bestes Gourmet- Futter.

Oft wird man ja von einer Legion um Aufmerksamkeit heischender Druckwerke am Schlafittchen gepackt, die im Chor brüllt: „Verschling mich gefälligst, du Kulturbanause!“ Schlimmstenfalls würde man es tatsächlich bereuen, dem nicht nachzukommen – aber in Zweitausendzwölf gibt’s ja wieder mal genug Raum für beste Vorsätze.
Neben denen soll das frische Jahr  natürlich auch noch „Sätze“ daherbringen, weil das „Vor“ ja wie beim Spiel nur ein Auftakt ist.
Für alle die den „Sandner und die Ringgeister“ mit Gusto gefressen haben, (ja, und für alle anderen selbstredend auch) sei vermerkt, dass ich derweil über dem nächsten Roman sitz (garantiert kein Lyrikband) , wobei jetzt die Witterung, mit ihrer bärig – kalten Mahnung zur Häuslichkeit,  schon wieder ihr Gutes hat.
Dass mit dem Sitzen ist in diesem Fall nicht wörtlich zu nehmen.
Wissbegierige Leut hinterfragen ja oft einen Autoren in Gänze. Um die Frage nach meinem Arbeitsplatz erschöpfend zu klären, anbei ein kleines optisches Schmankerl. (Da hab ich mich wohl von den Graphic Novels beeinflussen lassen.)


Hier spielt sich der schreibende Alltag vom Roland Krause ab. Ein Schreibtisch wird überschätzt. Es gibt kaum etwas, dass Professionalität so überzeugend vorgaukeln kann, ausser vielleicht dem ein oder anderen gefakten Doktorat.

Ob nun mit oder ohne Kanapee, ob sibirischer Eisfischer  oder Heliosjünger, allen wünsch ich ein neues Jahr, dass etwas besonderes für sie in sich trägt. Rauskitzeln muss man es ja eh allerweil selbst – womit auch ich noch eine zünftige Weisheit nausgehauen hab. Hilft ja nix, muss halt!

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Über Roland Krause

Autor aus München Romane: "Der Sandner und die Ringgeister" Piper Verlag 2011 "Fuchsteufelswild" Piper Verlag 2012 "Der Tod kann warten" 2013 "Hurenballade - Stories" 2016
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