Im Bett mit dem Kommissar

Über Erotik könntest du dich seitenweise auslassen- oder jede Zeile ist zuviel – je nach Gusto oder Antrieb.
Da teilt es auch die Meinung der Krimileserschaft.
Interessant ist allerdings, dass es in Rezensionen oft ein erwähnenswerter Punkt ist.
So wurde mir nach Erscheinen von „Der Tod kann warten“ mehrmals Bedauern darüber kundgetan, dass sich die Protagonisten prozentual (oder gefühlt) weniger der Lust hingaben, als in den Vorgängerromanen. Und gleichzeitig gab es LeserInnen, die beim Hauptkommissar Sandner (und „en general“) bemängelten, dass kopulative Momente die Handlung nicht voranbrächten, überflüssiger Füllstoff wären und – schlimmstenfalls – nicht prickelnd wären. (Vielleicht eine Genre-Verwechslung?)

Menschen, die fokussiert sind aufs „Voranbringen“ , scheinen prädestiniert für eine alternative Art von Storytelling. Kein Schnickschnack, keine Lust, keine Zeit sich auf das Schwelende, die Sehnsucht, das Nicht- Fassbare einzulassen.

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Die Schilderung zwischenmenschlichem Erlebens der lustvollen Kategorie kann für den Krimiautor dünnes Eis bedeuten.
Ziehst du den zynischen, notorisch einsamen Detektiv aus dem Zylinder, bist du aus dem Schneider. Der wird ja von paarungswilligen Damen jedweder Couleur sofort bedeutungsschwanger angehechelt und erfüllt breitschultrig, groß, markante Gesichtszüge, sämtliche Kriterien bezüglich Beuteschemas. „A gmahde Wiesn“ wie der Bayer sagt.
Beim Regionalkrimi mit den meist gemütlich-bäuchigen Protagonisten bleibts oft beim sehnsüchtig-unauffälligen Spähen desselben in das üppige Dekolleté der Sekretärin, alternativ der Verdächtigen. Das Dirndl ist ausgefüllt, wie die Plunze des Ermittlers mit Leberkas alternativ Kässpätzle
Geburt des Dilemmas. Nichts ist als Lesekost schwerer zu verdauen, als dass ein vermeintlich „ganzer Kerl“ seitenweise seine Gedanken um die Weiblichkeit so eindimensional präsentiert,  als hätte er sich sein Hirn aus dem Beate Uhse Prospekt ausgeschnitten.
Braucht keiner – will keiner. Das mag vielleicht dem Spruch geschuldet sein, „Sex sells“ und der leidigen Wahrheit, dass fleischerne Schenkelklopfer  immer ihr Publikum finden. Frei nach dem Motto:  „Bauer sucht Frau“ meets „Tatort“ in Hintertupfing. (oder zwecks Lacher: in Petting)
Dritte Kategorie wäre der vom Leben geprügelte, geschiedene Trinker, dem du schon aus gesundheitlichen Aspekten als Autor keine längeren sportlichen Aktivitäten zumuten möchtest. Meistens willst du ihm trotzdem boshafterweise eine anstrengende Blondine oder den waschbrettbäuchigen Naturburschen anhexen.
Bleiben noch die wenigen verheirateten Kriminaler. Für diese Kategorie ist literarisch erstaunlicherweise meist nur das morgendliche Aufstehen relevant. Das willst du aufs reale Leben gar nicht übertragen – lieber a bisserl „Fantasy“

Sollte ein „anständiger“ Kommissar besser auf Lust und Liebe verzichten?

Die „Durex“ Studie behauptet, dass siebzig Prozent aller Deutschen sich einmal pro Woche einschlägig körperlich verlustieren. (Ob dass diejenigen sein könnten, die Sex in Krimis schätzen, darüber sagt die Studie leider nix)
Das ist  aber per se noch kein Argument.  Der Herr Kommissar wird ja auch nicht bei jedem Klogang geschildert, beim Duschen oder Zähneschrubben. Allerdings spricht es dafür, dass Beischlaf keine pathologische Anomalie im Leben des Protagonisten wäre, sondern das wahre Leben auffüttert, wie beispielsweise Totschlag, Hundescheiße, Verkehrsstau oder Currywurst.
Entscheidend ist die Intension. Warum sollte der Autor diese Szene in die Handlung einbauen? Wollte er den Leser an eigenen erotischen Fantasien teilhaben lassen, wäre es effektiver, er hätte erfolgreich Sport betrieben und würde seine Autobiografie ghostwriten lassen.  Kein Mensch will sich einen Schreiberling vorstellen, der sabbernd und mit offener Hose vor dem Laptop sitzt und in memurandum schlüpfrige Floskeln in die Maschine haut.
Sinnvoll und ergiebig scheint das Liebesspiel im Krimi dann zu sein, wenn dadurch eine weitere Seite in der Psyche und dem Erlebenshorizont des Protagonisten aufgeschlagen wird. Ein Stilmittel, den Charakter des Protagonisten auszuloten, ihm Tiefe und Gefühl zu verleihen. Die archaisch ursprüngliche, menschliche Ebene. Hier wird die Intimität dargestellt, quasi das Nackte, Unverstellte, um die Dreidimensionalität der agierenden Personen zu verstärken.
Möglicherweise steuert die Handlung geradezu zwangsmäßig darauf hin. Das muss jetzt passieren! Alles andere wäre irreal. Ein Wendepunkt oder eine Schlüsselszene könnte darin verpackt sein. Der entscheidende Faktor dabei ist, dass die Protagonisten hantieren, wie sie eben ausgestattet worden sind. Sei es grobschlächtig, zartfühlend, ängstlich, erfahren, ungeschickt, what ever. Vom Don Juan bis zum tumben Büffel ist alles denkbar, Hauptsache es erscheint stimmig und das abgegriffene F***Vokabular samt schwülstigem Kitsch und Geigen wird nicht zum x-ten Mal heruntergebetet.
Insbesondere wenn das Tatmotiv im abgründigen Trieb liegt, sollte man als Autor sicher sein, jedes Klischee mit Stumpf und Stil ausgerissen zu haben, damit Glaubwürdigkeit wachsen kann.
After all: Will man in einem Kriminalroman das ganze Leben abbilden, in all seinen bunten Farben, darf neben den Leichen auch ab und an ein Stückerl lebendes Fleisch dabei sein.
Ansichten darüber werden wohl auf Dauer die Krimigemeinde teilen.

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Über Roland Krause

Autor aus München Romane: "Der Sandner und die Ringgeister" Piper Verlag 2011 "Fuchsteufelswild" Piper Verlag 2012 "Der Tod kann warten" 2013 "Hurenballade - Stories" 2016
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