Chronistenwicht

Das Abtauchen ist geradezu ein mystischer Zustand. Den hab ich mir im Sommer gegönnt, wochenlang ohne elektronischen Firlefanz unterwegs – ohne Trick und doppelten Boden. Aber darüber schreib ich jetzt kein Wort.
Oder doch – vielleicht eine kleine Randnotiz: Falls es jemanden mal nach Jochsberg an der Altmühl verschlägt, sollte er unbedingt das Dunkle von der ortsansässigen Brauerei Reindler probieren – aber schon, während ich die Zeilen hinhau, merk ich, über den Geschmack eines Bieres zu psalmieren ist grober Unfug. Geradezu eine Frechheit, weil eins ist klar: Das muss man die Kehle hinunter laufen lassen, Dafür kann man keine Buchstaben gebrauchen – höchstens für das „Aaaa“ danach.
Aber auch wenn man ein Bier nur selbst erleben, bzw. er-trinken kann, wäre seine schriftliche Würdigung allerhöchstens eine reportierte Geschmacklosigkeit. Fürs Grobe gibt es ganz andere Kandidaten.
Es ist aberwitzig, wieviele vorgekaute (oder ausgespiene) Erlebnisse man kredenzt bekommt. Als wär man noch zu klein zum Selberfressen oder hätte keine Zähne mehr im Maul. Stellt sich die Frage, ob das den Horizont erweitert, oder der im schwarzen Loch verschwindet. Erstaunlich, was dir die Jetzt-Zeit-Zeugen um die Ohren hauen.

Da werden Bücher vom Schulalltag geschrieben, (war denn niemand selbst einst drin?) oder der Sozialarbeit daheim bei den bildungsfremden Unberührbaren (lustig), vom Besuch im Bordell, (immer wieder wahnsinnig neu), vom Dasein der Aufsteiger, Aussteiger, Arschgeiger, Aufschneider … die Litanei ist unvollständig.
Dokus vermitteln dir endlich, wie ein Suffkopp ausschaut, ein multiamoröser Bauer, ein Grillschürzendesigner, ein Schnitzel-Brater oder blankes Brustfleisch – am besten gemixt zum Cocktail mit Amarenakirsche.
Du kannst dich nicht mehr retten vor Erlebnisexhibitionisten jedweder Couleur. Das Sahnehäubchen ist die zur Schau gestellte Seriosität des kolportierenden Personals.
Den Wisnbesuch kannst du dieses Jahr canceln, weil eh rund um die Uhr gesendet wird, Highlights aus dem tönenden Schunkelzelt oder die Top-Ten der Triefäugigen aus dem Sanitäralltag.
Und wem das noch nicht reicht, der bekommt in Buchhandlungen stapelweise Betrachtungen aus dem Innenleben von Ich-Protagonisten. Nein, Handlung ist unwichtig, sondern es reicht, den eigenen pseudohintergründigen „Seinsprozess“ dem Leser mittels aufwühlenden Standart-Metaphern ins Hirn zu ballern. „Lies, wie ich mich fühle!“
Dankschön auch, ich hab selbst noch einen veritablen Kater.

Da fragt man sich, woher dieser angebliche Hunger auf all die Chroniken des Nebensächlichen herkommt, der da gestillt werden soll. Na, wer hats erfunden?
In alter Zeit stand man auf Reiseberichte aus fernen Orten, die dem Normalsterblichen verwehrt blieben, bebildert mit all den monströsen Kreaturen, die da kreuchten und fleuchten oder sagenhaften Geschehnissen, Geheimnissen und Schätzen. Man träumte davon, selbst…
Letztenendes nicht weit weg von Youtube, wo du dir abendfüllend Monsterfische, Ufos, extrem lustige Gestalten und andere unerklärbare Phänomene reinziehen kannst.
Nein, keine Angst, jetzt komm nicht: Früher war alles besser.
Aber heut hast du es bedeutend schwerer mit dem Erleben. Das fängt schon damit an, dass du als smarter Achzehnjähriger in der U-Bahn deinem Beuteschema nicht mehr nett zulächeln kannst, weil das Madl die Glubscher partout auf ihrem Display läßt ,um zu erfahren, welcher Waschbrettbauch-Tralala in den Hotelpool gepinkelt hat. Abenteuer, ade.
Aber die Vorteile sollte man nicht verschweigen. Wenn dein Kumpel sich einen Vollrausch abholt, brauchst du nicht mehr den Teppich zu schrubben, bevor die Eltern aufschlagen, um live dabei zu sein. Es genügt, wenn er dir ein Selfie schickt, so er noch Feinmotorik im Programm hat.
Möglicherweise docken all diese konsumierbaren Second-Hand Erlebnisse irgendwo im Hirnstüberl an und vermitteln das Gefühl , quasi mitten drin zu stecken – da müsste man einen Neurologen befragen. Das wär dann wie die 3D Simulation einer Achterbahnfahrt – und zum Finale rückst du dein Frühstück wieder raus.
IMG_8995Jetzt wäre ein geschickten Übergang zur Fantasie fällig. Aber der ist schwer – beinahe unmöglich. weil sie in diesem Text keinen Platz hat, in mitten dieses ganzen banalen Wahrhaftigkeits-Sumpfes. Mühsam ist die Spinnerei obendrein. Vielleicht ist sie einfach bloß ein schwarzes Schaf, in der Gedankenherde, mit dem man sich nicht abgeben sollte. Schliesslich muss man sich darauf konzentrieren können, amtlich zu leben.
Aber wurscht, ich stell mir jetzt einfach vor, ich hätt ein Dunkles aus Jochsberg vor mir stehen mit einer Schaumkrone, die ein bischen ausschaut, wie eine zufriedene Schäfchenwolke. Und weil gerade kein Tisch in der Nähe ist, imaginier ich mir den am besten auf eine Sonnenterasse am Seeufer. Ja logisch, ist gutes Wetter. Nein – ein Selfie gibts nicht dazu.
Mag sein, eine glaubwürdige Fantasie ist immer noch spannender, als viele unnütze Wahrheiten vom wichtigen Chronisten.

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Über Roland Krause

Autor aus München Romane: "Der Sandner und die Ringgeister" Piper Verlag 2011 "Fuchsteufelswild" Piper Verlag 2012 "Der Tod kann warten" 2013 "Hurenballade - Stories" 2016
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